Arbeitskreis Analytische Psychologie – März 2023

Herr Theobald schreibt zu seinem Vortrag: Aus der wissenschaftlichen, distanziert-rationalen AußenBetrachtung ist ein Trauma die Reaktion eines in seinen Verarbeitungsmöglichkeiten überforderten Organismus infolge schutzloser Preisgabe des gefährdeten Selbst. Im Erleben der Betroffenen, der Innen-Betrachtung, erscheint ein Trauma anders: hier wird der Abgrund der Existenz erfahren.
Diese Erfahrung gleicht in auffallender Weise dem Existential der (Daseins-)Angst, wie es die Existenzphilosophie beschrieben hat – es gilt ihr (mit Heidegger) als fundamentalontologischer Befund. Dagegen wurde eingewendet, dass mit diesem Befund keineswegs ein fundamentalontologischer Tatbestand erfasst werde, sondern lediglich die existenzielle Seite einer ganz bestimmten Ontologie: die „Gestimmtheitslage“, die eintrete, wenn mit einem historisch siegreichen, alles umfassenden ontologischen Konzept Gott den
Menschen entschwunden sei). Für diese kulturhistorische Deutung spricht einiges. Horst-Eberhard Richter (1979) formulierte sie bereits als Gotteskomplex, Roman Lesmeister (2021) reformulierte sie als Gottverlassenheit im Rahmen seiner Analyse des „leeren Selbst“. Man kann aber zugleich – mit guten Gründen – die Frage stellen, ob die traumatische Erfahrung des Nichts bzw. Abgrunds sich nicht doch „in allem Sein verbirgt“.
Im Vortrag werden beide Perspektiven, die ontologische und die kulturhistorische, diskutiert. Die Zuhörer:innen sind eingeladen, das Ergebnis dieser Reflexion in Bezug zur eigenen therapeutischen Erfahrung zu setzen.

 

Prof. Dr. Werner Theobald ist außerplanmäßiger Professor für Ethik in den Lebenswissenschaften an der Universität Kiel. Sowohl philosophisch als auch psychologisch und theologisch ausgebildet arbeitet er seit Jahren über Grundfragen der Moralphilosophie und angewandten Ethik mit besonderer Berücksichtigung von Moralpsychologie und neurobiologischen Grundlagen moralischen Verhaltens. Aus der Beschäftigung mit Traumata entwickelte er eine existenzielle Ethik, für die das Bewusstsein der Verletzlichkeit des Selbst konstitutiv ist.

 

Ort: IfP/JIB, Standort Hauptstr. 19, 10827 Berlin-Schöneberg

Die Zertifizierung ist beantragt.

 

Der Arbeitskreis Analytische Psychologie ist die regelmäßige Fortbildungsveranstaltung des C.G.Jung-Instituts Berlin für alle Mitglieder und Ausbildungskandidat*innen. Der AK findet vier mal pro Jahr statt. Gäste sind uns willkommen, wir bitten bei Interesse um eine kurze E-Mail-Mitteilung an den Leiter des AK Dr. Claus Braun (clausbraun(at)online.de).